Wappen des Kurkölnischen Sauerlandes

(H)Franziska Seibertz, 1855

(H)Winterberg

(H)Gabelkreuz in Scharfenberg

(H)Wocklum

(H)Krippe auf Schloß Melschede

(H)Arnsberg

(H)Waldskulpturenweg

(H)Hof in Kirchveischede

(H)Fluß

(H)Herbstwald

(H)Mitgliederversammlung-Schloß Amecke

1956 – 2016: 60 Jahre Schmallenberger Dichterstreit

Dr. Andrea Brockmann

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Die Teilnehmer des Dichtertreffens 1956 vor dem Hof Geiecke in Schmallenberg-Heiminghausen Foto: LWL-Archiv

1956 kamen westfälische Autoren zu einem Dichtertreffen ins Sauerland. Aus der Veranstaltung entwickelte sich unvorhergesehen ein Dichterstreit, der einzige, den die westfälische Literatur der Nachkriegszeit überhaupt erlebt hat. Aus der Rückschau bedeutete das Schmallenberger Dichtertreffen eine Weichenstellung in der westfälischen Literaturgeschichte, da es der literarischen Moderne in Westfalen zum Durchbruch verhalf. Um den Impuls des legendären historischen Ereignisses aufzugreifen, setzte die Stadt Schmallenberg im Jahr 2016 einen besonderen Literaturschwerpunkt, der sowohl einen Beitrag zur Erinnerungskultur als auch zum aktuellen Literaturgeschehen leistete.

Ein legendäres Ereignis

Auf Einladung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) sowie Amt und Stadt Schmallenberg kamen 1956 westfälische Autoren zum zweiten Dichtertreffen nach dem Zweiten Weltkrieg ins Sauerland: „Man war bemüht, ihnen in den vier Tagen ihres Zusammenseins einen Einblick in die herben Schönheiten dieser Landschaft der Berge und Wälder zu vermitteln und sie zu Stätten zu führen, in denen Eigenarten des Lebens und der Leistungen des Sauerlandes sichtbar werden. Manche der westfälischen Dichter kannten das Städtchen Schmallenberg nicht einmal dem Namen nach […]“ (Westfalenspiegel 8/1956). So veranstaltete man für die Autoren zunächst ein umfangreiches Besichtigungsprogramm: „So waren der Vormittag auf dem Hofe Geiecke in Heiminghausen (im „tiefsten Sauerland“), die Führung durch das Silikose-Krankenhaus in Kloster Grafschaft und der Morgen in der Strickwarenfabrik Sophie Stecker reich an neuen Eindrücken.“

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Diskutierten über den Schmallenberger Dichterstreit: Hendrik Otremba, Peter Bürger, Christoph Wenzel, Lütfiye Güzel, Prof. Walter Gödden, Bürgermeister Bernhard Halbe, Prof. Moritz Baßler, Dr. Jochen Grywatsch (v.li.). Foto: Nina Kownacki

Einen Höhepunkt des Treffens bildete eine gemeinsame Autorenlesung in der Schmallenberger Stadthalle. Die Zeitschrift Westfalenspiegel berichtete: „Westfalens Dichter lesen aus ihren Werken. Über tausend (Eintritt zahlende!) Zuhörer füllten die festlich geschmückte weite Halle! In keiner Großstadt würde dieser Abend eine solche Anteilnahme geweckt haben. [...] Selbst aus Siegen und Arnsberg, aus Olpe, Neheim und Menden waren die literarisch interessierten Menschen, zum Teil in Omnibussen, nach Schmallenberg gekommen, um an dieser Begegnung mit den westfälischen Dichtern teilzunehmen“ (Westfalenspiegel, 8/1956).

Das zweite herausragende Ereignis war eine halb öffentliche Diskussion, die in der Tagungsstätte, im Hotel Störmann, stattfand. Sie kreiste um die Frage, welche Eigenzüge in der westfälischen Literatur bestehen. An dieser Frage entfachte sich dann der Dichterstreit. Das Brisante an dem Schmallenberger Ereignis: Während des Dichtertreffens prallten zwei Dichtergenerationen aufeinander; jene heimatverbundenen Schriftsteller der älteren Generation um Josefa Berens-Totenohl, Maria Kahle und Heinrich Luhmann oder Josef Winkler – die an ihrer im Nationalsozialismus formulierten Literaturauffassung festhielten – und auf der anderen Seite die der literarischen Moderne verpflichteten jungen Schriftsteller um Hans Dieter Schwarze, Paul Schallück und Erwin Sylvanus. Bei einer Diskussion über das verfängliche Thema „Das Westfälische in der Literatur“ kam es zu einem Streit. Der Germanist Clemens Heselhaus aus Münster stellte in einem Einleitungsreferat alles in Frage, was mit dem Begriff des Westfälischen zu tun hatte: Die Dichter aus Westfalen hätten keinerlei Gemeinsamkeit, es gäbe keine innerregionale Traditionsbildung, vielmehr hätten die Autoren jeder für sich geschrieben, seien eher geniale Dilettanten gewesen als Repräsentanten ein und derselben westfälischen Literaturschule. Für diese Thesen fand er bei den Jungen entschiedenen Zuspruch. Es bildeten sich zwei Fraktionen, eine tiefe Kluft tat sich auf. Professor Dr. Walter Gödden, Literaturwissenschaftler und Geschäftsführer der LWL-Literaturkommission, fasst die Ereignisse folgendermaßen zusammen: „Die Folgen des Schmallenberger Dichtertreffens waren vehement und wirkten lange nach, eigentlich bis heute. Die Sache als solche – westfälische Dichtung um Westfalen willen – kam in Verruf. Es fand eine Art Umorientierung in der westfälischen Literaturlandschaft statt, und es kamen neue Namen ins Spiel. […] Überhaupt verlor das Thema des Westfälischen an Stoßrichtung“ (Walter Gödden/Reinhard Kiefer (Hrsg.): Utopische Dichter. Der Schmallenberger Dichterstreit 1956, Ernst Meister und die Folgen; Analysen und Dokumente, Bücher der Nyland-Stiftung, Köln, Reihe Dokumente. 1, Ardey-Verlag, Münster, 2000, S. 21). Nach Walter Gödden kann man „Schmallenberg die Geburtsstunde der modernen Literatur in Westfalen nennen“ (ebda.), einer Literatur, die auch über Westfalen hinaus Geltung erlangte und bei der nicht mehr Heimatbekenntnis, sondern literarischer Rang zählt.

Frischer Wind 2016: Rückblick und aktuelle Szene

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Die LWL-Literaturkommission für Westfalen tagte auf Einladung des Kulturbüros im Lenneatelier in Schmallenberg. Foto: Ulrich Möckel

Das historische Ereignis aufgreifend richteten die LWL-Literaturkommission für Westfalen und die Stadt Schmallenberg am 16. und 17. September zwei Literaturtage aus. „Wir wollten dieses wichtige Datum nicht ungehört verstreichen lassen“, erläuterte Bürgermeister Bernhard Halbe, der das Treffen gemeinsam mit Dr. Andrea Brockmann vom Kulturbüro organisatorisch vorbereitete und seitens der Stadt mitfinanzierte. „Immerhin handelt es sich um den wohl größten Literaturstreit der westfälischen Literatur überhaupt. Und dass dieser mit unserem beschaulichen Ort zu tun hat, ist so kurios wie bedeutungsvoll.“ Mit den Literaturtagen weitete die Stadt Schmallenberg ihr ambitioniertes kulturelles Programm, das in Südwestfalen Avantgarde und Tradition zusammenbringt.

Für das literarische Programm zeichnete die Literaturkommission für Westfalen verantwortlich. Geboten wurden Lesungen, Vorträge, Interviews und ein alternativer westfälischer Heimatabend. Unter dem Titel „Westfalian Aliens“ zeigten Erwin Grosche, Wiglaf Droste und Hans Zippert, was die heutige Satire und Kleinkunst aus Westfalen zu bieten hat. Am Freitagabend stand das historische Ereignis im Vordergrund der Veranstaltung. In Kurzvorträgen wurde erläutert, was vor 60 Jahren den Dichterstreit in Schmallenberg auslöste. Prof. Dr. Moritz Baßler als Vorsitzender der Literaturkommission, Peter Bürger, Prof. Dr. Walter Gödden, Dr. Jochen Grywatsch und Arnold Maxwill beleuchteten das Thema. Dazwischen belegten Lesungen junger westfälischer Autoren, was heute in der Literaturszene los ist. Aus ihren aktuellen Werken rezitierten Lütfiye Güzel, Hendrik Otremba und Christoph Wenzel.

Am Samstagvormittag fand die Mitgliederversammlung der Literaturkommission für Westfalen im Lenneatelier statt. Die Literaturkommission besteht seit 1998. Sie ist eine von sechs wissenschaftlichen Kommissionen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in Münster. Ihr gehören die führenden Literaturwissenschaftler des Landes Nord­rhein-Westfalen an. Erforschen, vermitteln, archivieren, publizieren, präsentieren – die Literaturkommission für Westfalen hat ein weit gefasstes Arbeitsspektrum. Beachtung findet dabei die westfälische Literatur vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Vermittelt wird sie nicht allein durch Editionsarbeit und Publikationen, durch Ausstellungen und Forschungsbeiträge, sondern auch durch die Herausgabe von Lesebüchern, Tonzeugnissen und Live-Mitschnitten. Auf der Schmallenberger Tagung wurde rege über die neuen Forschungsprojekte für das kommende Jahr diskutiert.

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Das Publikum im vollbesetzten Lenneatelier genoss den Satireabend. Foto: Nina Kownacki

Am Nachmittag tagte die Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften Westfalens in Schmallenberg. Im Juni 1991 schlossen sich die westfälischen Literaturgesellschaften zu einer Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften (ALG) zusammen. Ihre Geschäftsstelle befindet sich beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Sie wird vom Geschäftsführer der Literaturkommission für Westfalen betreut. Die heute 16 Literarischen Gesellschaften Westfalens bilden auf der literarischen Landkarte Westfalens eine feste Größe. Sie tragen wesentlich zur Belebung des literarischen Lebens und seiner Erforschung bei. Dazu zählt auch die Literarische Gesellschaft Sauerland – Christine-Koch-Gesellschaft e.V., die das Literaturschaffen im Sauerland seit 1993 nachhaltig fördert. Zurzeit sind in Westfalen etwa 2.500 Personen Mitglieder einer regionalen Literaturgesellschaft, wobei die Christine-Koch-Gesellschaft die mitgliederstärkste Vereinigung in Westfalen ist.

Am Abend kam es dann im Rahmen der Literaturtage zu einem Satiregipfel in Schmallenberg. Mit Wiglaf Droste war Deutschlands schärfster Satiriker dabei. Er ist ein Meister der kleinen Form, die er als Sprachglosse, als Alltagsbeobachtung, als Mini-Essay pflegt. Ihn quälen das Gestammel der Fußballkommentatoren, die Phrasen eines Dummbeutel-Journalismus und die Scheinheiligkeit der Politik. Mit Schwung, Grazie und Eleganz seziert er die sprachlichen Entgleisungen der Deutschen. Weiterer Gast war Erwin Grosche, der seit über 30 Jahren mit eigenen Kleinkunst- und Theaterproduktionen auf deutschsprachigen Bühnen auftritt. Als Schauspieler wirkt er in zahlreichen Kino- und Fernsehproduktionen mit. Er hat etwa 50 Kinder- und Jugendbücher geschrieben. Erwin Grosche wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Prix Pantheon, dem Deutschen Kleinkunstpreis und dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Und als Dritter im Bunde kam Hans Zippert hinzu, Autor des Buches „Warum Regenwürmer nicht zuhören und Eichhörnchen schlecht einparken“ beobachtet mit scharfem Blick und spitzer Feder die Welt. Seit 1999 verfasst er für die Zeitung „Die Welt“ täglich die satirische Kolumne „Zippert zappt“, für die er 2007 und 2011 den Henri-Nannen-Preis erhielt. 2016 ist er der Preisträger des Peter-Hille-Literaturpreises. Die drei scharfzüngigen Autoren gestalteten einen ungewöhnlichen Kabarettabend im vollbesetzten Lenneatelier.

Den Abend eröffnete der ehemalige Autor der Satirezeitschrift Titanic Wiglaf Droste mit Gedichten und Geschichten. Der ostwestfälische „Tünsel“ stand dabei im Mittelpunkt, aber auch Songs wie der einer Männerselbsthilfegruppe oder „Muse feife inne Wind“, frei nach dem Lied von Bob Dylan „Blowin in the wind“. Danach brachte der Paderborner Autor Erwin Grosche in seiner unnachahmlichen Art mit Sketchen vom Staubsauger und Heißluftfön die Zuschauer zum Lachen. Alltägliche Szenen werden bei ihm zum Grotesken verdreht wie bei der Peter Sloterdijk-Entspannungstasche, die das Warten beim Metzger verkürzt. Hans Zippert gab anschließend zu: „Ich bin nicht gut im Bett“.

Mit soviel Offenheit verblüffte er das Schmallenberger Publikum, klärte dann aber auf, warum ihm das Bett nicht liegt, da er weder auf dem Bauch noch auf dem Rücken schlafen kann. Er bevorzugt stattdessen das Sofa, das ihn entspannter macht. Der bekannte Kolumnist las auch einige seiner politischen Satirebeiträge aus der Tageszeitung Welt vor. Nach der Pause traten alle drei Satiriker nochmals mit Auszügen aus ihren Solo-Programmen auf und begeisterten das Publikum. Den Abend beschloss Wiglaf Droste mit den Worten „Danke Schmallenberg“.


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