Wappen des Kurkölnischen Sauerlandes

(H)Franziska Seibertz, 1855

(H)Winterberg

(H)Gabelkreuz in Scharfenberg

(H)Wocklum

(H)Krippe auf Schloß Melschede

(H)Arnsberg

(H)Waldskulpturenweg

(H)Hof in Kirchveischede

(H)Fluß

(H)Herbstwald

(H)Mitgliederversammlung-Schloß Amecke

Westphalia, Michigan (USA) – Nachfahren von Sauerländer Auswanderern halten die Erinnerung an ihre Vorfahren lebendig

Nicola Schmerbeck, Ph.D.

Michi02

„Gründerväter“ – Das Gemälde befindet sich in der „St. Mary’s Kirche“.

Im Herzen Michigans, zwischen dem heutigen Regierungssitz Lansing und der Stadt Grand Rapids, liegt der kleine Ort Westphalia mit seinen fast 1000 Einwohnern. Der Ort gehört zu einem etwas größeren Kommunalbezirk mit demselben Namen, der ungefähr 2300 Einwohner zählt. Hier siedelten sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mutige Auswanderer aus dem Sauer­land an. Wer heute den ca. 3 qkm kleinen, verwunschenen Ort besucht, wird freundlich von seinen Einwohnern aufgenommen und stolz in die Gründungsgeschichte ihrer Vorfahren eingeführt.

Im Sommer 1836 machte sich eine Gruppe Sauerländer aus Attendorn (Helden und Rieflinghausen) sowie Lennestadt (Hespecke) auf den Weg in die Neue Welt. Zusammen mit dem katholischen Pastor Anton Kopp überquerten Eberhard Platte, Joseph Platte, Johann/John Hanses, Wilhelm Tillmann und Johann/ John Salter mit ihren Familien den Atlantik und kamen über den Eriekanal Ende Oktober in Detroit, Michigan, an. (Of Pilgrimage, Prayer, and Promise, S. 9 ff.)

Damit gehörten die Sauerländer zu der ersten großen Auswandererwelle von Deutschen, die sich in Amerika niederließen. Obwohl es bereits zuvor vereinzelt deutsche Siedler in Amerika gab, ermöglichte erst das Ende der Napoleonischen Kriege im Jahr 1815 den uneingeschränkten Handelsverkehr zwischen den beiden Kontinenten und somit für viele Auswanderer die sichere Überquerung des Atlantiks. Durch die politischen Umbrüche in Europa zog es in den 30er Jahren des 19. Jahrhundert nicht nur Auswanderer aus dem Süden Deutschlands nach Amerika, sondern auch Handwerker und Bauern aus dem Westen und Nordwes­ten, wie auch die Gründerväter Westphalias. (The German Americans, Kapitel 2)

Michi03

Denkmal für Pastor Kopp

Auf der Suche nach Land, auf dem sie sich mit ihren Familien niederlassen konnten, wurde ihnen das Grand River Valley empfohlen. Die gebürtigen Sauerländer erkannten die Fruchtbarkeit des Bodens und das dicht bewaldete Gebiet erinnerte sie wahrscheinlich an ihre alte Heimat. Während sich die Familien zunächst in Detroit niederließen, gelang es Eberhard Platte in Begleitung von Pater Kopp, trotz fehlender Englischkenntnisse, am 10. November 1836 das Land zu kaufen. In Anlehnung an ihre zurückgelassene Heimat nannten sie es Westphalia. (Of Pilgrimage, Prayer, and Promise, S. 16) Pastor Kopp gründete daraufhin in Westphalia die erste sesshafte katholische Gemeinde in Zentralmichigan. Ein Gemälde von G. Zamboni, das Pfarrer Kopp mit den fünf Gründervätern des Ortes zeigt, hängt heute noch in der St. Mary`s Kirche im Ortszentrum.

Schon bald folgten den ersten Siedlern Verwandte und Freunde aus dem Sauerland nach Amerika und bereits 2 Jahre nach Ankunft der ersten Sauerländer, siedelten sich auch Familien aus Hessen und 6 Jahre später mehrere Familien aus der Eifel in der kleinen Ortschaft an. Heute befinden sich Nachfahren von Einwanderern aus allen Teilen Deutschlands in Westphalia. Dies bezeugen die deutschen Namen, die man auch heute noch überall in dem Ort findet, darunter auch Bohr, Rademacher, Koch, Wohlfert, Pohl, Freund, Weiland, Schneider usw.

Auch Indianer ließen sich in der Nähe der kleinen Ortschaft Westphalia nieder. Sie betrieben häufig Handel mit den deutschen Siedlern und es wurde überliefert, dass die deutschen Hausfrauen den Indianern trotz Lebensmittelknappheit häufig einen Laib Brot schenkten, um den Frieden zu bewahren. Die Strategie bewährte sich, denn es wurde zum Beispiel davon berichtet, dass ein Kind, als es sich in den Wäldern und Sümpfen um Westphalia herum verlaufen hatte, von einem Indianer unversehrt zu seinen Eltern zurückgebracht wurde.


Michi04

Altar in der St. Mary’s Kirche, Westphalia

Obwohl das Pionierleben oft als romantisch und abenteuerlich beschrieben wird, führten die ersten Siedler in Westphalia ein sehr hartes Leben. Der Landkauf hatte die Einwanderer fast ihre gesamten Ersparnisse gekostet, und das neu erworbene Land musste zunächst gerodet und die umliegenden Sümpfe trockengelegt werden, bevor das Land bestellt werden konnte. Häuser mussten gebaut werden und ganze Waldzüge wurden verbrannt oder zur Holzkohleherstellung genutzt. Dass dies für die Einwohner auch gefährlich war, bezeugen die vielen Brandunfälle, bei denen mindestens 20 Kinder in den ersten 20 Jahren der Siedlungsgeschichte ums Leben kamen. (Westphalia Area History, S. 112)

Außerdem gab es damals, und gibt es noch heute, viele wilde Tiere in Michigan. Mehrere Begegnungen mit Bären wurden überliefert, die z.B. das Vieh rissen und sogar bis zur Kirchentür vordrangen und die Menschen beim Gottesdienst überraschten. In den Kirchenbüchern findet sich nicht selten die Diagnose „Schlangenbiss“ als Todesursache für so manchen neuen Siedler.

Hinzu kamen Krankheiten, die durch neue Einwanderer nach Amerika eingeschleppt wurden. So gab es in Westphalia auch Cholera- und Diphterieepidemien. Die Sumpflandschaft in Michigan ermöglichte zusätzlich die Verbreitung von Malaria. Es waren hauptsächlich Kinder, die diesen Krankheiten zum Opfer fielen. (Westphalia Area History, S. 111 ff.)

Eine nicht unbeachtliche Rolle zum Erfolg der neuen Siedlung spielten die Frauen. Dies zeigte sich besonders während des amerikanischen Bürgerkrieges, der zwischen 1861 und 1865 das Land teilte. Insgesamt siebenunddreißig wehrfähige Männer des kleinen Ortes Westphalia wurden als Soldaten zum Kriegsdienst eingezogen. Davon fielen mindestens 5 Männer und etliche wurden verwundet.
(Westphalia Area History, S. 100) Während die Männer im Krieg waren, mussten die Frauen die Arbeit auf den Bauernhöfen fortsetzen, denn die Landwirtschaft war oft die wichtigste Einnahme- und Überlebensquelle der Familien. So ist beispielsweise von Maria Snitgen, der Frau von Ferdinand Platte überliefert, dass sie den aus 40 Hektar und einer Kuh bestehenden Landwirtschaftsbetrieb trotz drei kleiner Kinder allein weiterführte. Ihre Tüchtigkeit und ihr Erfolg zeigten sich darin, dass sie außerdem zwei Kälber allein großzog, sodass ihr Mann bei seiner Rückkehr zwei Ochsen vorfand. Der Wert der Tiere lässt sich daran ermessen, dass die ersten Einwanderer lange Zeit nur einen einzigen Ochsen untereinander teilten, um damit alle Felder des Ortes zu bestellen. (Of Pilgrimage, Prayer, and Promise, S. 60 ff.)

Neben den Frauen, die bei der Landarbeit oder beim Waldroden mithalfen, trugen auch die katholischen Nonnen (Sisters of Christian Charity), die sich ab 1874 in Westphalia niederließen, zum Erfolg der Siedlung bei. Wenn die Wetterbedingungen im Winter so schlecht wurden, dass die Kinder nicht mehr den Schulweg zurücklegen konnten, fanden sie bei den Nonnen Unterkunft. Zeitweise versorgten sie, neben ihrer regulären Gemeindearbeit, bis zu 70 Kinder.

Michi05

Freundschaftsquilt der Westphalia Frauen zum 150-jährigen Ortsjubiläum

Mit der Gründung des Ortes Westphalia ging auch die Gründung der St. Mary Gemeinde einher. Die ersten Gottesdienste wurden in kleineren Blockhaushütten gefeiert, aber schon im Jahr 1869 wurde der Grundstein zur St. Mary Kirche gelegt. Als die St. Mary Kirche im Jahr 1959 komplett niederbrannte, retteten die Bewohner Westphalias die Heiligtümer aus der Kirche. Bald schon wurde mit dem Wiederaufbau begonnen und 1962 wurde die neue Kirche eingeweiht, die auch heute noch das Zentrum des kleinen Ortes ist und die Nachfahren der ursprünglichen Einwanderer zusammenhält. Ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1967, in dem die Entstehungsgeschichte der Kirche und Gründung des Ortes zusammengefasst sind, weist darauf hin, dass selbst im Erscheinungsjahr des Zeitungsartikels alle Bewohner des kleinen Westphalias katholisch waren. (Clinton County News, 04.05.1967, Settlement of Westphalia Began 130 Years Ago)

Neben der Religion verband die Menschen in Westphalia auch die deutsche Sprache. Normalerweise geht die Einwanderersprache spätestens in der dritten Generation verloren und die Enkel der ursprünglichen Einwanderer sprechen nur noch die Standardsprache der neuen Heimat. In Westphalia hat allerdings die deutsche Sprache mittlerweile viel länger überlebt. Grund dafür ist, dass sich Deutsche in der Regel dorthin angesiedelt haben, wo bereits andere Deutsche lebten. Auch in Westphalia gab es bis ins 20. Jahrhundert immer wieder neue deutsche Einwanderer, die sich in der Ortschaft ansiedelten. Außerdem wurde die Sprache weiterhin gepflegt. In den 1880er Jahren gab es beispielsweise die deutsche Wochenzeitung, genannt „Westphalia Zeitung“. (Westphalia Area History, S. 83) Bis ins 20. Jahrhundert wurden in Westphalia auch Gottesdienste auf Deutsch gefeiert und deutsche Kirchenlieder gesungen. Am Anfang des 20. Jahrhunderts gründete der damalige Pfarrer Broegger sogar einen Theaterverein, der zunächst alle Stücke auf Deutsch aufführte und erst einige Jahre später auch auf Englisch. (Westphalia Area History, S. 88) Das Deutsch, das sich im Laufe der Jahre in Westphalia entwickelt hat, klingt aber weder wie unser heutiges Hochdeutsch noch wie das Sauerländer Platt. Durch die Einwanderergruppen aus den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands haben sich verschiedene deutsche Dialekte mit Standarddeutsch vermischt und im Kontakt mit dem Englischen bildeten sich ein paar Eigenheiten des „Westphalia Deutsch“. Diese Entwicklung ist sehr typisch für kleine deutsche Sprachinseln im Mittleren Westen der USA. Man findet heute noch viele Menschen, besonders ältere, die diese Varietät des Deutschen in Westphalia sprechen können. Auch wenn mittlerweile weder der Schulunterricht noch die Gottesdienste auf Deutsch gehalten werden, ist die deutsche Sprache immer noch ein wichtiger Bestandteil der Kultur in Westphalia.

Die Historical Society,
eine Art Heimatverein, hält
die Geschichte des Ortes lebendig.
 

Auch die gemeinsame Geschichte verbindet die Menschen von Westphalia. So gibt es in Westphalia eine Historical Society, eine Art Heimatverein, der dazu beiträgt, dass die Geschichte des Ortes aufgezeichnet wird und nicht in Vergessenheit gerät. Mehrmals im Jahr organisiert dieser Heimatverein sogenannte „Cemetery Walks“ (Friedhofs-Begehungen). Diese Veranstaltungen dienen dazu, den Vorfahren der Menschen in Westphalia zu gedenken und ihre Beiträge zur Ortsgemeinschaft zu ehren. Bei jedem Cemetery Walk verkleiden sich Laienschauspieler des Ortes als ihre Vorfahren und berichten neben den Gräbern stehend von dem Leben der Verstorbenen. Diese Veranstaltungen sind bei den Einwohnern Westphalias sehr beliebt und werden von Hunderten von Teilnehmern besucht, die oft selbst mehrere Generationen entfernte Nachfahren der Verstorbenen sind und die Örtlichkeiten noch kennen, wo die Verstorbenen gelebt und gewirkt haben.

Der Heimatverein betreibt außerdem ein kleines Museum in einem Haus, das allein durch die Spenden der ca. 1000 Einwohner der Ortschaft erworben werden konnte. Dies zeigt, wie sehr die Herkunftsgeschichte den Menschen in Westphalia am Herzen liegt. Als Besucher aus dem Sauerland wird man in Westphalia so freundlich empfangen, dass man das Gefühl bekommt, es handle sich bei den Einwohnern von Westphalia um entfernte Verwandte einer gemeinsamen, großen Familie.

Alle Fotos: Nicola Schmerbeck

Quellen:

Adams, W. P., Rippley, L. V. J., Reichmann, E., & Max Kade German-American Center (IUPUI). (1993). The German-Americans: An ethnic experience. Indianapolis: Max Kade German-American Center, Indiana University-Purdue University at Indianapolis.

Rathbun, Sandi. (04.05.1967). Settlement of Westphalia Began 130 Years Ago. Clinton County News, p. 2B.

Westphalia area history, 1836-1976: 140 years of growth. (1976). Westphalia, Mich: Westphalia Historical Society.

Westphalia Historical Society (Westphalia, Mich.). (1986). Of pilgrimage, prayer and promise: A story of St. Mary‘s, Westphalia, 1836-1986. Westphalia, Mich: Westphalia Historical Society


SHB Logo-1   Vorstand    Geschichte    Schwerpunkte   Termine    Zeitschrift Aktuell    Zeitschrift Archiv    News    Fotos    Kontakt    Links  Gästebuch