Wappen des Kurkölnischen Sauerlandes

(H)Franziska Seibertz, 1855

(H)Winterberg

(H)Gabelkreuz in Scharfenberg

(H)Wocklum

(H)Krippe auf Schloß Melschede

(H)Arnsberg

(H)Waldskulpturenweg

(H)Hof in Kirchveischede

(H)Fluß

(H)Herbstwald

(H)Mitgliederversammlung-Schloß Amecke

„Stolpersteine“.
Ein Stadtrundgang auf den Spuren der ehemaligen
jüdischen Gemeinde in Schmallenberg
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Norbert Otto

Heft 1/ 2016

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Stolpersteine 01

Händlerausweis für Albert Stern. (Stadtarchiv Schmallenberg B 1639)


Am 31. Mai 2012 verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig 36 „Stolpersteine“ in Schmallenberg – ein weiterer Schritt zur Erinnerung an die Mitglieder der ehemaligen jüdischen Gemeinde, die gewaltsam ihr Leben im nationalsozialistischen Deutschland verloren hatten.

Seit Januar 1988 gibt es in der Synagogenstraße eine Holocaust-Gedenkstätte mit hohen Bronzetafeln, auf denen die Namen der ermordeten Schmallenberger Juden aufgeführt sind. Nun erinnern zusätzlich die „Stolpersteine“ seit knapp vier Jahren an sieben Stellen im historischen Altstadtkern daran, wo die Ermordeten bis zu ihrer Deportation in die Konzentrations- und Vernichtungslager gewohnt haben.

In die Messingplatten, die auf Betonsteinen verankert sind, sind jeweils Vor- und Zuname, Geburtsjahrgang, Deportationsziele und -daten sowie das Todesdatum eingraviert. Diese Steine sind Bestandteile des großen dezentralen Projekts, das an nationalsozialistisches Unrecht erinnert. Von Köln ausgehend sind im Sauerland, in Deutschland und im benachbarten Ausland seit 1995 mittlerweile etwa 40.000 „Stolpersteine“ verlegt worden.

Schülerinnen des Städtischen Gymnasiums Schmallenberg reinigten zusammen mit ihrer Lehrerin Dagmar Krefeld 2013 die „Stolpersteine“, damit diese sichtbar blieben, und begründeten damit die Patenschaft ihrer Schule für die Steine. Geschichtsklassen erinnerten im selben Jahr zum 75. Jahrestag des Novemberpogroms in einer Ausstellung in den Räumen der Stadtsparkasse an die damaligen Vorgänge in Schmallenberg. Inzwischen ist die Patenschaft in das Leitbild des Schmallenberger Gymnasiums aufgenommen worden und in der Eingangshalle der Schule dokumentiert.

Auch wenn ältere Schmallenberger mit den Namen, die auf den hiesigen „Stolpersteinen“ und auf den Bronzetafeln verzeichnet sind, noch konkrete Personen verbinden können, dürfte das für die meisten Einheimischen und für auswärtige Besucher nicht zutreffen. Diese Einsicht veranlasste im Januar 2014 den Verfasser, zusammen mit dem Schmallenberger Ortsheimatpfleger Helmut Voß die Herausgabe eines Faltblattes zu planen, auf dem für einen Stadtrundgang die Lage der Steine und weitere Hinweise zu den auf den Steinen genannten Personen angegeben werden sollten.

Der Ortsheimatpfleger hatte für den Personenkreis, der für die „Stolpersteine“ in Frage kam, die notwendigen Informationen zusammengetragen und darüber hinaus umfangreiches Material zur Geschichte der Juden in Schmallenberg gesammelt. Das stellte er dem Verfasser zur Verfügung. Diese Sammlung und frühere Veröffentlichungen im landeskundlichen Bereich (u. a. durch Alfred Bruns, Helga Tröster, Josef Wiegel, Hannelore Schenk) waren Grundlage und zugleich Ausgangspunkt für weitere Nachforschungen in Schmallenberg (im Stadtarchiv, Standesamt, Grundbuchamt und in Privatsammlungen) sowie für Anfragen bei Archiven, Standesämtern, Heimatgeschichtsvereinen in anderen Orten, in die die Verbindungen der Schmallenberger Juden gereicht hatten. Auch einschlägige Gedenkseiten im Internet brachten zahlreiche neue Erkenntnisse.

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„Stolpersteine“ für die Familie Albert und Emmy Stern, Weststraße 44. (Foto: Andreas Knappstein, Schmallenberg)

Luftbild von Schmallenberg um 1930; in der Mitte des Hintergrundes, vor dem Huckelberg, die „Strickwarenfabrik Salomon Stern“. (Ansichtskarte aus dem Privatarchiv Schenk, Schmallenberg)

Insgesamt kam so viel Material zusammen, dass der ursprüngliche Plan eines Faltblattes völlig gesprengt wurde. Der Heimat- und Geschichtsverein Schmallenberger Sauerland e. V. sagte nicht nur die ideelle Unterstützung zu, sondern auch die Herausgabe eines möglichen Begleitbandes. Die Schmallenberger Freizeit- und Touristik-GmbH erklärte sich bereit, parallel ein Faltblatt mit ersten Informationen zum Thema für Einheimische und Gäste aufzulegen. Das Vertrauen der genannten Unterstützer war Ansporn und Verpflichtung zugleich, beide Veröffentlichungen auf eine möglichst breite Grundlage zu stellen. Internetrecherchen und Fahrten des Verfassers nach Münster, Iserlohn und Winterswijk/NL führten zu wichtigen Kontakten mit Angehörigen einzelner jüdischer Familien, die früher in Schmallenberg ansässig gewesen waren. Die Angesprochenen zeigten sich sehr entgegenkommend. Sie berichteten über Leben und Schicksal ihrer Verwandten, soweit es ihnen bekannt war, und stellten bereitwillig alte Dokumente und Fotos zur Verfügung.

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Familie Frankenthal gegen Ende der 1920er Jahre auf der Eingangstreppe des Hauses Unterm Hagen 10. (Foto: Sammlung Hans-Dieter Frankenthal, Schmallenberg)

Der verwitterte Grabstein für Herbert Stern auf dem jüdischen Friedhof in Winterswijk/NL, 2015.
(Foto: Jochen Schweter, Meppen)

Von Anfang an war ein Rundgang in der historischen Altstadt Schmallenbergs die Leitlinie der geplanten Veröffentlichung. Nicht eine systematische Geschichte der Juden im alten Schmallenberg oder im neuen Stadtgebiet seit der kommunalen Neuordnung war ihr Ziel, sondern die Anbindung der Darstellung an konkrete Erinnerungsorte im Stadtkern. Hinweise zu den Häusern und den Familien, die darin gewohnt hatten, zum Standort der zerstörten Synagoge, zum Friedhof mit seinen Grabsteinen, zur Gefallenen-Gedenkstätte mit den Namen der jüdischen Soldaten des Ersten Weltkrieges, zur Lage des ehemaligen Bahnhofs, der Ausgangpunkt für die Deportationen in die Lager gewesen war.

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Herbert Stern 1934 in Winterswijk. (Foto: Archiv der jüdischen Gemeinde Winterswijk).


Bei den Recherchen kam nicht nur Neues zu Tage, sondern auch Spannendes und Überraschendes. Die ältere und jüngere Firmengeschichte der „Strickwarenfabrik Salomon Stern“ zum Beispiel und deren „Arisierung“ konnten z. T. aus der Sphäre des Hörensagens ins Licht belegbarer Fakten gerückt werden. Zugleich wurden auf dem jüdischen Friedhof drei Grabsteine neben dem Grab des jüngsten der Gründer-Brüder der Strickwarenfabrik, Levi Stern, als die seiner drei Ehefrauen identifiziert. (Die ersten beiden waren jung bei Geburten gestorben.)

Dass Friedhöfe, zumal jüdische, historische Informationsquelle sein können, ist nicht neu, aber im konkreten Fall war das besonders wertvoll. Einer statistischen Übersicht des Schmallenberger Bürgermeisters, die er nach den „Nürnberger Gesetzen“ entsprechend einer Verfügung des Mescheder Landrats vom 21. Dezember 1935 Anfang Januar 1936 erstellt hatte, war zu entnehmen, dass „der Jude Herbert Stern, geboren am 23. 11. 1913, wegen Beteiligung an einer Schlägerei in Altenhundem im Sommer 1933 nach Holland ausgewandert und dort laut Bericht einer Polizeibehörde 1934 gestorben“ sei.2 Nicht bekannt war, wie er aussah, wohin er „ausgewandert“ und wo er begraben war. Bei der Begehung des neueren jüdischen Friedhofs in Winterswijk im Sommer 2015 fand der Verfasser nicht nur wie erhofft Gräber und Gedenksteine verschiedener Schmallenbergerinnen, die im 19. und 20. Jahrhundert nach Winterswijk geheiratet hatten oder 1939 nach dort geflohen waren, sondern Mirjam Schwarz, die begleitende Archivarin der dortigen jüdischen Gemeinde, machte ihn auf den Grabstein eines weiteren Schmallenbergers aufmerksam. Wie die etwas mühsame Entzifferung der verwitterten Inschrift ergab, lag dort der oben erwähnte Herbert Stern begraben. Im Archiv gebe es dazu auch einen Registereintrag, erfuhr der Verfasser, und sogar ein Foto aus seinem letzten Lebensjahr. Völlig unerwartet ließen diese Spuren nun den jungen Schmallenberger, der 1933 offenbar wegen kritischer Äußerungen über die Nationalsozialisten in Handgreiflichkeiten geraten und wegen befürchteter Repressalien nach Holland geflohen war, für unsere Vorstellung wieder erstehen.

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Die vier Stern-Töchter aus der Weststraße 30, 1925/1926. Von links: Hilde Menco, „Päule“ Herz, Johanna Nihom und Helene van Gel¬der. Hilde, Johanna und Helene Stern heirateten 1923, 1924 und 1926 von Schmallenberg nach Winterswijk. (Foto: Sammlung Herman van Gelder, Hilversum/NL)


Genauso unerwartet sprudelte eine holländische Quelle in Hilversum. Der jüngste Enkel der 1939 aus Schmallenberg geflohenen Hermine Stern geb. Morgenthau, Herman van Gelder, schickte dem Verfasser zahlreiche Fotos seiner Schmallenberger Familie aus den Jahren 1916 bis 1938, die in Schmallenberg noch nicht bekannt waren; darüber hinaus erschütternde Belege der Ermordung seines Vaters aus dem KZ Mauthausen.

Eindrucksvoll und berührend waren für den Verfasser die freundlichen Reaktionen der jüdischen Angehörigen, mit denen er persönlich oder über Telefon und Internet Kontakt hatte. Auch die informativen, z. T. hervorragend gestalteten Seiten im Internet über jüdische Personen und Gemeinden waren bei den Recherchen sehr hilfreich und motivierten zu intensiver Arbeit am Thema.

Für die Ausgestaltung des Buches, die Bildbearbeitung und das Layout, wofür Andreas Knappstein – spontan bereit – mit seiner Erfahrung wesentliche orientierende Impulse gab, war wichtig, dass der Leser nicht nur den darstellenden Text und Fotos zur Kenntnis nimmt, sondern durch die Beigabe aussagekräftiger Dokumente zu eigenem Urteil animiert wird. Das zielte gerade auch auf eine junge Leserschaft, die sich selbst ein Bild machen möchte. Die Autoren wünschen sich die Geschichtslehrerin bzw. den Geschichtslehrer, der ohne Hemmung das Kopiergerät zum Einsatz bringt, um den Schülern ortsnahe Originalquellen vor Augen zu führen. Darüber hinaus unterstützten Sponsoren die Absicht des Heimat- und Geschichtsvereins, den drei weiterführenden Schulen in Schmallenberg jeweils einen Klassensatz des Buches zu übergeben. Die Einladung des Verfassers zu Unterricht und Projektwoche ist eine Bestätigung dieses Weges, die Erinnerung an hiesiges jüdisches Leben wachzuhalten.

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Umschlag eines Briefes, den Helene van Gelder am 22. November 1941 an ihren Mann ins KZ Mauthausen geschickt hatte – unter Angabe aller geforderten Details zur Identifizierung des Empfängers. Die SS-Zensur hatte den Brief geöffnet und mit Datum vom 4. Dezember 1941 „An Absender zurück“-geschickt, „Retour Holland“. Der blaue Randvermerk „unbekannt“ und das eingestempelte Datum offenbaren den ganzen Zynismus des Systems: Am 2. Dezember 1941 war Aron Alexander van Gelder ermordet worden, „auf der Flucht erschossen“. (Sammlung Herman van Gelder)


Am 10. November, dem Tag, an dem 1938 in Schmallenberg die Synagoge gebrannt hatte, konnten der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins Schmallenberger Sauerland e. V., Friedhelm Pape, und Bürgermeister Bernhard Halbe 2015 etwa 150 Zuhörerinnen und Zuhörer begrüßen, die der Einladung zur öffentlichen Vorstellung von Buch und Faltblatt „Stolpersteine“ in das Holz- und Touristikzentrum gefolgt waren. Die Leiterin des Schmallenberger Kulturbüros, Dr. Andrea Brockmann, moderierte ein Werkstattgespräch mit den drei Bearbeitern, und der Schulchor des „Stolperstein“-Patengymnasiums gestaltete den würdigen Rahmen.
Dass nach nicht einmal sechs Wochen die gesamte Auflage des Buches vergriffen war und auch das Faltblatt unter dem gleichen Titel regen Zuspruch findet, belegt ein hohes Interesse am Thema in Schmallenberg. Der Heimat- und Geschichtsverein bereitet deshalb eine zweite Auflage des Buches für den März 2016 vor.
 

 

 

 

 

 

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Drei der vier Kinder von „Päule“ und Otto Herz aus der Weststraße 30. Von links: Renate sowie die 10-jährigen Zwillinge Ulla und Paul. Das Foto entstand wohl im Februar 1943 in Holland. Zwei Monate später wurden Eltern und Kinder im KZ Sobibor ermordet. (Foto: Sammlung Helmut Voß, Schmallenberg)

 

 


Anmerkungen
1) Norbert Otto in Zusammenarbeit mit Helmut Voß und Andreas Knappstein, „Stolpersteine“. Ein Stadtrundgang auf den Spuren der ehemaligen jüdischen Gemeinde in Schmallenberg. Hrsg.: Heimat- und Geschichtsverein Schmallenberger Sauerland e.V., Schmallenberg 2015.
2) Stadtarchiv Schmallenberg B 1412. Im Buch „Stolpersteine“ S. 58.




 


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