Wappen des Kurkölnischen Sauerlandes

(H)Franziska Seibertz, 1855

(H)Winterberg

(H)Gabelkreuz in Scharfenberg

(H)Wocklum

(H)Krippe auf Schloß Melschede

(H)Arnsberg

(H)Waldskulpturenweg

(H)Hof in Kirchveischede

(H)Fluß

(H)Herbstwald

(H)Mitgliederversammlung-Schloß Amecke

Im sauerländischen Altena entstand die
erste ständige Jugendherberge der Welt

Knut Dinter

Sauerland Heft 4/ 2015

Wer in Altena den neuen Erlebnisaufzug zur Burg besteigt, unternimmt auf dem Weg nach oben zugleich eine Zeitreise zu Rittern, Zwergen und Handwerkern. Im ersten Betriebsjahr wurden bereits 80.000 Besucher gezählt. Attraktionen in der Burg sind das Museum zur Geschichte der Grafschaft Mark und die erste ständige Jugendherberge der Welt. Besucher können die mehr als 100 Jahre alte Ausstattung noch im Original vorfinde.

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Erkenntnisgewinn durch praktische Erˆahrungen lautet das Credo von Richard Schirrmann (rechts).

Zurück zur Natur“ lautete das Motto der Wandervogelbewegung zur Zeit der Jahrhundertwende. Diese Phase des Umbruchs war bestimmt von Zivilisationskritik, Aufbruchssehnsucht, Wunsch nach Selbstbestimmung. Vornehmlich ältere Schüler und Studenten bürgerlicher Herkunft probierten auf ihren Wanderfahrten eine eigene Lebensart.

Für Volksschüler galt dies nicht. Selbst in Altena, wo der Wald vor der Haustür lag, hatten sich viele Kinder noch nie aus der Stadt hinausgewagt. Ausflüge während der Unterrichtszeit waren nicht vorgesehen. Demgegenüber propagierte der Lehrer Richard Schirrmann, der an der Nette-Schule unterrichtete, die „wandernde Schule“. Damit praktizierte er bereits, was erst viel später als erlebnispädagogisches Konzept Allgemeingut wurde. „Eine Schule, die gesund sein will, muß wandern!“, war sein Credo.

Denn neben seiner Kritik an einer „verkopften, haus- und stadtverkäfigten Schule“ wollte er einen Beitrag leisten „für Volksgesundheit und Volkskraft im heranwachsenden Geschlecht“. Unterwegs sollten Heimatliebe und Gemeinschaftserlebnis vermittelt werden. Mit seinen Schülerinnen und Schülern unternahm Schirrmann an freien Tagen Wanderungen mit zum Teil langen Etappen. Allerdings stieß der Idealist auch auf erhebliche Schwierigkeiten. Als er einen mehrtägigen Ausflug in den Schulferien plante, berief sich der Schulrektor auf behördliche Bestimmungen und verbot das Unternehmen. Der Begriff vom „wanderdollen Lehrer“ war geprägt. Doch Schirrmann beugte sich dem Diktum keineswegs und wanderte trotzdem.

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Richard Schirmann leitete selbst die erste ständige Jugendherberge.


Zur Übernachtung sollten einfache, schlichte Wanderlager dienen. Schon seit 1907 betreute Schirrmann in Altena eine kleine Schüler- und Studentenherberge. In den Ferien wurde außerdem ein Raum der Nette-Schule mit Stroh eingestreut und zum Übernachtungsquartier umfunktioniert. Darüber hinaus regte Schirrmann die Gründung von „Volksschülerherbergen“ an. In einem Aufruf formulierte er: „Doch auch die Knaben und Mädchen des gemeinen Mannes müssen frischfröhliches Wandern als Gegengewicht für die Stubenhockerzeit ihrer Schuljahre üben.“

In der Person des Landrats Friedrich Thomée fand er einen Verbündeten. 1909 war beschlossen worden, die Ruine der Burg Altena wieder aufzubauen. Anlass bot die 300jährige Zugehörigkeit der Grafschaft Mark zu Brandenburg-Preußen. Schirrmann konnte Thomée dafür gewinnen, neben einem Museum und einer Gastronomie auch eine Jugendherberge einzurichten. Auch wenn es dagegen zunächst heftigen Widerstand gab, konnten im Neuen Palas zwischen 1912 und 1914 einige Räume als erste ständige Jugendherberge der Welt eingerichtet werden.

In zwei Rittersälen und einem kleinen Gemach wurden zunächst ein großer, später zwei Schlafräume sowie ein Tagesraum eingerichtet. Die 48, teilweise dreistöckigen Betten aus massiver Eiche waren mit Matratzen, Wolldecken und auswechselbarer Bettwäsche ausgestattet. Sollten mehr Gäste übernachten wollen, konnte auf ein Heubodenlager ausgewichen werden. Ein für die Zeit typisches Fußwaschbecken war vorhanden, außerdem bestand eine „Koch- und Brausebadgelegenheit“. Der ursprüngliche Burgcharakter war auch im Inneren unverkennbar: An den großen Kaminen aus Steinquadern befanden sich Holzfeuerroste, gekocht wurde in riesigen Töpfen.

1926 wandte sich Schirrmann mit der Bitte an Thomée, das Brausebad mit einem Ofen auszustatten, damit die Gäste auch warm duschen konnten. Schließlich wurde noch ein zweiter Waschraum im Stall neben der Küche eingerichtet, der den weiblichen Jugendherbergsgästen vorbehalten war.

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Während einer Schülerwanderfahrt mit Lehrer Richard Schirrmann entstand dieses Foto
etwa 1912.


Richard Schirrmann selbst wurde der erste Herbergsvater. Wenn er gelegentlich abwesend war, fungierte seine Schwester Käthe Schirrmann als Herbergsmutter.

Im Jahre 1934 wurden dann weitere Räume im vorderen Teil der Burg als Jugendherberge eingeweiht. 1958 wurde am Linscheider Bach in Altena eine größere und moderne Jugendherberge gebaut. Als die Resonanz immer mehr nachließ, wurde das Gebäude 1994 wieder geschlossen. 1999 konnte das Deutsche Jugendherbergs­werk an der Thomée-Straße 75, unterhalb der Burg, ein Jugendstilgebäude als Gästehaus erwerben. Insgesamt stehen in beiden Standorten derzeit 60 Betten in acht Zimmern zur Verfügung.

Unermüdlich wandte sich Schirrmann an Gemeindeverwaltungen und legte ihnen nahe, Jugendherbergen ins Leben zu rufen. Außer in Altena fand er in Iserlohn und bei der Regierung in Arnsberg Widerhall. Auch Privatpersonen spendeten großzügig.

Ein Verzeichnis von 1913 listet 55 Jugendherbergen im Sauerland auf. Als Unterkunft dienten unbenutzte Schulräume, Turnhallen, Vereinshäuser, Privaträume. Die anfangs verwendeten Strohschütten wurden schon bald gegen eiserne oder hölzerne Bettgestelle, zum Teil aus Militärbestand, ausgetauscht. Eine Ausstattung mit Zugfedernmatratzen, Bücherei und Kartensammlung blieb jedoch lange eine Ausnahme. Im Durchschnitt betrug das „Kopfgeld“ für eine Nacht 25 bis 30 Pfennige, gelegentlich auch nur zehn Pfennige.

Seit dem Neubau im Jahr 1958 wurden die allerersten Jugendherbergsräume in der Burg Altena nicht mehr benutzt. Schließlich hatten sich die Ansprüche der Gäste an den Übernachtungsstandard doch erheblich gewandelt. Die „Ur-Jugendherberge“ verkam. Erst als sich ein japanisches Fernsehteam auf der Suche nach den Anfängen der Jugendherbergsbewegung begab, endete der „Dornröschenschlaf“. Seit 1959 sind die Räume mit den noch intakten Tischen, Stühlen und Betten als Museum zugänglich.

Bildnachweis: Fotonachlass Richard Schirrmann.


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