Wappen des Kurkölnischen Sauerlandes

(H)Franziska Seibertz, 1855

(H)Winterberg

(H)Gabelkreuz in Scharfenberg

(H)Wocklum

(H)Krippe auf Schloß Melschede

(H)Arnsberg

(H)Waldskulpturenweg

(H)Hof in Kirchveischede

(H)Fluß

(H)Herbstwald

(H)Mitgliederversammlung-Schloß Amecke

Demographische Herausforderungen bewältigen, die Chancen nutzen
Die Sauerländer arbeiten aktiv daran, der Bevölkerungsabnahme zum Trotz ihre Zukunft lebenswert zu gestalten
Franz-Josef Rickert

Sauerland Heft 3/ 2015

Haferkiste

Die aufgeklappte Haferkiste – das Symbol für die Kooperation von Südwestfalen-Agentur und Sauerländer Heimatbund im Bereich der ländlichen Entwicklung. Foto: Südwestfalen-Agentur

1. Ein Großteil unserer Gesellschaft hat den ländlichen Raum bereits abgeschrieben.

„Leben auf dem Land wird in Zukunft purer Luxus sein,“ sagte die Leiterin eines Seminars bei der Diskussion über regionale Entwicklungsstrategien. Und ihr Ko-Referent, ein international tätiger Stadtplaner ergänzte: „Wenn Deutschland heute neu zu erfinden wäre, würde es Siedlungen im ländlichen Raum nicht mehr geben.“ Ich war in dieser Runde der einzige Vertreter einer ländlichen Region. Die anderen Teilnehmer hörten meinen Diskussionsbeiträgen über Lebensqualität und Wirtschaftskraft ländlicher Regionen skeptisch bis ungläubig zu. Mit meiner optimistischen Sicht auf die Zukunft des ländlichen Raumes hatte ich also einen schweren Stand.

Gefühlt entspricht die eingangs beschriebene Situation dem mehrheitlichen gesellschaftlichen und politischen Verständnis von ländlicher Region: Rückständig, infrastrukturell zu teuer, ohne Zukunft! Für diese Wahrnehmung gibt es unzählige Belege. Umfangreiche wissenschaftliche Studien befassen sich mit den Auswirkungen und empfehlen der Politik harte Einschnitte für die ländlichen Räume. In vielen Diskussionsforen wurde der gesetzlich garantierte Grundsatz der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Frage gestellt. Die Ministerkonferenz für Raumordnung modifizierte diesen Grundsatz bereits vor Jahren mit einem differenzierten Blick auf die ländlichen Räume. Die aktuell auf Bundesebene in der Diskussion befindlichen Leitbilder für die Raumentwicklung sehen immerhin eine Sicherung der Versorgung dünn besiedelter Räume auf niedrigerem Niveau vor. Dazu ein wörtlicher Auszug: „Dabei sollen flexible und räumlich differenzierte Versorgungsstandards erwogen und innovative Versorgungsstrukturen … geschaffen werden“. Auch die Landesplanung befasst sich planerisch mit der Thematik. Beispielhaft sei nur an den Entwurf des Landesentwicklungsplans NRW (LEP) vom Sommer 2013 erinnert, mit dem man die Entwicklung von Dörfern unter 2.000 Einwohnern ausbremsen wollte (SAUERLAND 2014/2). Nach vielen Protesten aus dem Sauerland und dem gesamten Südwestfalen hat das Land den entsprechenden Passus im überarbeiteten LEP-Entwurf, der im Frühjahr 2015 vorgelegt wurde, gestrichen. Es lohnt sich also, gegen das Bild von Rückständigkeit, Unwirtschaftlichkeit und Zukunftslosigkeit anzukämpfen.

2. Die demographische Realität stützt das Negativ-Image des ländlichen Raums.

Allerdings müssen wir auch der Realität ins Auge sehen. Die starke Bevölkerungsabnahme in Deutschland resultiert in erster Linie aus dem Geburtenrückgang, der zurückzuführen ist auf den Lebensentwurf vieler junger Frauen, respektive Paare, die sich für nur wenige oder gar ganz gegen Kinder entscheiden. Dies erzeugt gesamtgesellschaftlich einen Schwund an jungen Menschen. Die ländlichen Regionen werden darüber hinaus besonders hart getroffen durch die Abwanderung der Jugend zwischen 18 und 30 Jahren (sogenannte Bildungswanderung). Was den ländlichen Gebieten bleibt, ist der durch die Alterung der geburtenstarken Jahrgänge zunehmende Anteil älterer Bevölkerung.

Nur ein kurzer Ausflug in die Statistik: Die aktuellen (Stand 10.12.2014) Kommunalprofile der Landesdatenbank von IT.NRW weisen für die südwestfälischen Kreise folgende Bevölkerungsrückgänge bis 2030 auf der Basis von 2011 aus; in Klammern die Zahlen der unter 18-jährigen und danach die Zunahme der über 64-jährigen:

Hochsauerlandkreis - 12,8 % = - 34.308
(- 30,1 % = - 14.756); Zunahme Ü 64:
+ 24,1 % = + 13.580;

Märkischer Kreis - 14,4 % = - 61.887
(- 26,3 % = - 20.052); Zunahme Ü 64:
+ 19,2 % = + 17.211;
Kreis Olpe - 9,3 % = - 12.983
(- 26,3 % = - 6.814); Zunahme Ü 64:
+ 35,4 % = + 9.174;

Kreis Siegen-Wittgenstein - 10,0 % = - 28.337
(- 22,3 % = - 10.539); Zunahme Ü 64:
+ 25,7 % = + 14.866;

Kreis Soest - 6,0 % = - 18.300
(- 22,8 % = - 12.554); Zunahme Ü 64:
+ 38,6 % = + 23.389.

Vertiefende Informationen unter www.landesdatenbank.nrw.de/Kommunalprofile.

3. Einige Auswirkungen machen uns bereits jetzt zu schaffen.

Die Folgen der demographischen Veränderungen sind vielfältig und zunehmend wahrnehmbar. Zunächst waren und sind viele Kommunen gezwungen, kommunale Infrastruktur (Kindergärten, Schulen, Schwimmbäder, Jugendheime, ÖPNV-Angebote etc.) zu reduzieren oder ganz zu schließen. Die Auswirkungen dieser Maßnahmen treffen ausgerechnet die jungen Familien. Die Begeisterung von Kindern und Eltern für ihre ländliche Region erhält auf diese Weise gleich den ersten Dämpfer. Zudem müssen Vereine (insbesondere Sportvereine und Feuerwehren) ihre Nachwuchsarbeit umstellen oder sogar ganz darauf verzichten. In Summe führen die Effekte der fehlenden jungen Menschen zu einer Spirale nach unten. Dagegen bewirkt der größere Anteil an älteren Menschen anderweitige Herausforderungen, z. B. in den Sozialsystemen und in der Gesundheitsversorgung.

Verstärkt werden die Auswirkungen des demographischen Wandels noch durch Veränderungen weiterer, besonders wirtschaftlicher Rahmenbedingungen. Das macht sich z. B. in der Nahversorgung durch das Sterben der „Tante-Emma-Läden“ und Gastwirtschaften bemerkbar. Auch das Schließen von Poststellen, Bahnhofsschaltern und Bankfilialen war und ist ein solch negativer Prozess. Besonders hart werden die Menschen durch die Verschlechterung der medizinischen Versorgung (schließen von Arztpraxen, Apotheken, Krankenhäusern) getroffen. Die nur unterdurchschnittlich entwickelte Breitbandversorgung bedeutet für Menschen und Unternehmen große Nachteile in der modernen Kommunikation.

4. Auch die Wirtschaft ist betroffen.

Der zur Zeit schon vielfach diskutierte Fachkräftemangel der Unternehmen ist eine unmittelbare Folge des Geburtenrückgangs. Viele Unternehmen versuchen dem entgegen zu wirken, indem sie sich um ausländische Arbeitskräfte bemühen. Ein Vorgang, der an die 1960er und 1970er Jahre mit der Anwerbung von Gastarbeitern erinnert. Unter den veränderten Rahmenbedingungen von heute erfordert die Situation jedoch andere Lösungskonzepte. Die geringe Arbeitslosenquote in den sauerländischen Kommunen ist zumindest teilweise als positiver Effekt des demographischen Wandels zu verbuchen. Die Chancen, die sich mit der derzeit hohen Zuwanderung durch Flüchtlinge ergeben, sind ein eigenes komplexes Thema. Diese Arbeitsmarkt und Wirtschaft bezogenen Themen sollen hier nicht vertieft werden, weil dieser Aufsatz sich vorwiegend mit den gesellschaftlichen Aspekten des demographischen Wandels in den örtlichen Gemeinschaften befasst.

5. Die schmerzhaftesten Auswirkungen liegen noch vor uns.

Mit dem Fortschreiten von Bevölkerungsabnahme und -überalterung kommen weitere Herausforderungen auf die Menschen in unserer gesamten Region zu. Ein Prozess, der die Teilregionen umso mehr betrifft, je ländlicher sie strukturiert sind. Zusätzlich zu den bereits unter 3. genannten Bereichen sind mittel- und langfristig gravierende Auswirkungen auf den Immobilienmarkt durch Wohnungsleerstände und Wertverfall, die Ver- und Entsorgungsinfrastruktur durch Steigerung der Pro-Kopf-Kosten bei Energie, Trinkwasser, Abwasser und Abfall sowie die Bildungs- und Gesundheitssysteme zu erwarten. Die immer noch überwiegend einwohnerbezogenen Schlüsselzuweisungen an die Kommunen werden mit Abnahme der Bevölkerung reduziert. In finanzschwachen Kommunen erhöhen sich die Probleme damit zusätzlich. Kleinen, meist infrastrukturell ohnehin schlecht ausgestatteten Dörfern droht der Kollaps. In 20 bis 30 Jahren werden mit großer Wahrscheinlichkeit in den ersten Dörfern die Lichter ausgehen, wie es in Teilen der neuen Bundesländer bereits in den vergangenen Jahren zu beobachten war.

6. Aus Erfahrungen anderer sollte man lernen, wie man das Schrumpfen sinnvoll organisiert.

Den vermutlich umfangreichsten Fundus an Schriften zur demographischen Entwicklung und deren Auswirkungen auf die ländlichen Räume findet man beim Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Einzelne Veröffentlichungen haben zwar im Sauerland Kritik hervorgerufen (Studie „Vielfalt statt Gleichwertigkeit“, September 2013; SAUERLAND 2/2014), was aber dem Wert der Aussagen zur Entwicklung ländlicher Räume keinen Abbruch tut.

Im Januar 2015 brachte das Berlin-Institut die neue Studie „Von Hürden und Helden – Wie sich das Leben auf dem Land neu erfinden lässt“ zusammen mit dem Generali-Zukunftsfonds auf den Markt. In den Fokus nimmt die Studie die schlechter werdende Versorgung im ländlichen Raum und betrachtet dabei näher die Hauptthemen: Mobilität, Bildung, Gesundheit, Pflege, Nahversorgung, Soziales, Wasser, Energie und Internet. Das Werk setzt sich kritisch mit bürokratischen und finanziellen Hemmnissen (Hürden) für ländliche Regionen auseinander und zeigt an Beispielen kreative Problemlösungen. Helden im Sinn der Studie sind ehrenamtlich Engagierte, Mitarbeiter öffentlicher Verwaltungen oder kirchlicher, sozialer und sonstiger Einrichtungen, die den Hürden zum Trotz beharrlich und kreativ Lösungen für die typischen Demographie bedingten Probleme entwickeln und umsetzen; im Ergebnis ein Plädoyer für Vielfalt, Erfindungsreichtum und den Mut neue Wege zu gehen. Zudem weisen die Verfasser darauf hin, dass vielversprechende Modellprojekte oft an mangelnder oder zeitlich begrenzter Finanzierung scheitern.

Zusammen mit den Studien „Vielfalt statt Gleichwertigkeit – Was Bevölkerungsrückgang für die Versorgung ländlicher Regionen bedeutet“ (September 2013) und „Die Zukunft der Dörfer – Zwischen Stabilität und demografischem Niedergang“ (November 2011) bildet auch die neue Studie für demographisch Interessierte eine wertvolle Fundgrube an Analysen, Praxisbeispielen, Empfehlungen und weiterführenden Hinweisen. In diesen Schriften findet man Tipps, wie man das unvermeidliche Schrumpfen sinnvoll organisiert.

Als besonders betroffene Regionen werden die neuen Bundesländer, Nordhessen, die Südwestpfalz und Oberfranken explizit aufgeführt. Große Bereiche der neuen Bundesländer sind in ihrer demographischen Entwicklung unserer Region um 20 bis 25 Jahre voraus. Deshalb lohnt durchaus ein Blick in die stark betroffenen Regionen, um aus kreativen Lösungen, aber auch aus Fehlern zu lernen. Unter www.berlin.institut.org können die Werke eingesehen, herunter geladen oder auch als Druck bestellt werden.

7. Für das Sauerland bestehen neben den Risiken auch große Chancen

Noch 2007 referierte Prof. Dr. Franz-Josef Bade von der Universität Dortmund auf einer Konferenz in Münster über die Ergebnisse einer Untersuchung zur Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands. Er wies nach, dass diese in den ländlichen Regionen deutlich über dem Niveau der städtischen Regionen liegt (vergl. Bade, Franz-Josef, 2007 „Wirtschaftlicher Strukturwandel in ländlichen Räumen“, Konferenz des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz „Zukunft ländlicher Räume – Wirtschaft“, Münster). Ganz im Trend dieser Untersuchung liegt das überwiegend ländlich geprägte Südwestfalen – und damit auch das Sauerland – in seinem Status als drittstärkste Industrieregion Deutschlands. Der Wirtschaftskraft unserer Region hat der demographische Wandel bisher nicht geschadet.

Damit ist gleich einer der wichtigsten Punkte für eine optimistische Sicht auf die Zukunft ausgemacht: Die Wirtschaftsstruktur, überwiegend bestehend aus kleinen und mittelständischen Betrieben in einem großen Branchenmix. Sie ist ein maßgeblicher Faktor für stabile und solide Entwicklung. Eine weitere Besonderheit des Sauerlandes: Viele der Unternehmen haben ihren Standort in kleinen und kleinsten Dörfern. Auf diese Weise ist oft ein Gefüge zwischen Bevölkerung und Unternehmen entstanden mit besonders positiven Auswirkungen auf das gesellschaftliche, soziale und kulturelle Leben.

Der zweite Punkt, der Anlass für Optimismus gibt, sind die Menschen der Region mit ihrer Kreativität und der hohen Bereitschaft, sich zu engagieren und dabei auch ungewöhnliche Wege zu gehen. Über Jahrhunderte hätten die Sauerländer unter schwierigen Umständen ihr Leben gestalten müssen. Das präge und fördere die Eigeninitiative, konnte ich gesprächsweise von einem Mann erfahren, der sich mit der Wirtschaftsgeschichte unseres Landes befasste.

Und in der Tat ist die Eigeninitiative eine herausragende Eigenschaft der Sauerländer. Neben dem standartmäßigen Engagement in verschiedensten Vereinen gibt es eine riesige Anzahl von kulturellen, sozialen, kirchlichen, touristischen und kommunalen Projekten, welche die Lebensqualität und damit die Zukunftsfähigkeit der Region erhöhen. Unzählige Dorfentwicklungsprozesse wurden in den vergangenen Jahren begonnen. Alle werden von ehrenamtlich engagierten Einwohnern getragen mit dem Ziel, das Dorf zukunftsfähig zu gestalten. Dazu kommt aufgrund der aktuellen Lage ein zusätzliches, oft sehr persönliches Engagement für Flüchtlinge.
Es gibt zwar kein Kompendium all dieser Projekte. Eine beispielhafte Übersicht über die Vielfalt, den Erfindungsreichtum und das Engagement bekommt man aber, wenn man die Projektliste der Regionale 2013 auswertet (www.suedwestfalen.com). Für fast alle Herausforderungen, die in den oben unter 6. genannten Studien beschrieben werden, gibt es im Sauerland bzw. in Südwestfalen vergleichbare Initiativen oder Modellprojekte. Das zeigt, dass die Menschen sich den Herausforderungen stellen und die Dinge selbst gestalten wollen.

8. Der Sauerländer Heimatbund stellt sich ebenfalls der demographischen Situation.

Während seines fast 100-jährigen Bestehens, hat sich der Sauerländer Heimatbund einerseits der Kultur und Geschichte, andererseits aber auch immer wieder den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen verpflichtet gesehen. Diese Verpflichtung sieht er auch angesichts der Herausforderungen der demographischen Entwicklung. Der Vorstand entwickelt derzeit folgende Aktivitäten:

• Der SHB sucht Kooperationen mit anderen Institutionen in der Region. Die entsprechenden Kooperationsgespräche schreiten gut voran.
• Es wurde eine Demographie-Arbeitsgruppe gebildet.

• Im Oktober wird die dritte Demographie-Werkstatt durchgeführt (Einladung siehe Seite 107 in dieser Zeitschrift). Diese Veranstaltung ist bereits ein erstes ressortübergreifendes Kooperationsprodukt. Die Südwestfalen-Agentur tritt als Mitveranstalter auf. Außerdem leisten der Kreissportbund Hochsauerlandkreis und Vertreter einzelner Dorfgemeinschaften durch Referate ihren Beitrag.

• In den zukünftigen Ausgaben dieser Zeitschrift wird jeweils mindestens ein Artikel über Demographie relevante Themen erscheinen.

Mit den geplanten Veröffentlichungen, der Weiterführung der Werkstattgespräche und mit Intensivierung der Kooperationen bietet der Sauerländer Heimatbund eine Kommunikations- und Kooperationsplattform und leistet damit einen Beitrag zur Bewältigung der vor uns liegenden demographischen Herausforderungen.
Die aufgeklappte Haferkiste – das Symbol für die Kooperation von Südwestfalen-Agentur und Sauerländer Heimatbund im Bereich der ländlichen Entwicklung.


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