Wappen des Kurkölnischen Sauerlandes

(H)Franziska Seibertz, 1855

(H)Winterberg

(H)Gabelkreuz in Scharfenberg

(H)Wocklum

(H)Krippe auf Schloß Melschede

(H)Arnsberg

(H)Waldskulpturenweg

(H)Hof in Kirchveischede

(H)Fluß

(H)Herbstwald

(H)Mitgliederversammlung-Schloß Amecke

Westfalen hat Geburtstag!
Geschichte, Geschichten, Heimatgefühle

Waltraud Murauer-Ziebach

WestfalenGeburtstag 01

Mit dem Auto durch Westfalen, Tourismusregion Sauerland: Werbung des Landesverkehrsverbandes Westfalen um 1930.
Foto: LWL-Archivamt für Westfalen

Herzlichen Glückwunsch! 200 Jahre – das ist doch schon was! Aber wem gratuliert man da eigentlich? Und, ist dieses Jubiläum ein Grund zum Feiern? Wer fühlt sich denn heute noch als Westfale? Was ist typisch westfälisch? Oder gibt es das gar nicht (mehr)?

Während die Historiker tief in den Archiven graben, um die westfälische Geschichte zu beschreiben, wird im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte eine ganz besondere Ausstellung vorbereitet: 200 Jahre Westfalen. Jetzt! Vom 28. August 2015 bis zum 28. Februar 2016 fordert sie auf: Mach Dir Dein eigenes Bild! Sie gibt überraschende Ein- und Ausblicke, lädt zum Mitmachen ein und hinterfragt manch Westfälisches mit einem Augenzwinkern. Die große Sonderausstellung ist Spurensuche und Tiefenbohrung zugleich. Sie wird mit Bild-, Ton-, Schrift- und Filmdokumenten zeigen, was die Regionen bewegte und bewegt, die der Wiener Kongresses vor 200 Jahren zur preußischen Provinz Westfalen zusammenfügte. Auf rund 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche werden Geschichten erzählt und Geschichte inszeniert. Es geht um technische Wunderwerke, Hidden Champions und Global Player, um Visionäre und erfolgreiche Unternehmer, um große Dichtung und frechen Poetry-Slam, um Fremde und Heimat, und um „tierisch“ Westfälisches. Doch der Reihe nach …

Als Westfalen preußisch wurde
Westfalen entstand durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses von 1815. Beinahe in seiner heutigen Form wurde es damals zur preußischen Provinz. Es war die Zeit der territorialen Neuordnung Europas. Nach zwei Jahrzehnten Krieg und der Niederlage Napoleons gab es Begehrlichkeiten, Macht- und Ränkespiele. So sollten die westfälischen Territorien – in unterschiedlicher Zusammensetzung – zunächst an Frankreich fallen oder an die Niederlande, an Mecklenburg oder Sachsen. Doch schließlich setzten sich die Preußen durch. Am 30. April 1815 unterschrieb König Friedrich Wilhelm III. eine Verordnung, die sein Staatsgebiet zur „verbesserten Einrichtung der Provinzialbehörden“ in zehn Provinzen aufteilte. Westfalen war eine davon. Mit der Schlussakte des Wiener Kongresses war das im Juni 1815 politisch besiegelt. So erhielt Westfalen neue Grenzen und ab jetzt ging es hier preußisch zu. Das passierte natürlich nicht von einem auf den anderen Tag, und auch die endgültigen Grenzziehungen brauchten ihre Zeit. Das östliche Sauerland zum Beispiel, das so genannte Herzogtum Westfalen, kam erst etwas später hinzu, wie auch das Fürstentum Siegen-Nassau.
Heimat Westfalen
WestfalenGeburtstag 02

Bauernmädchen mit zwei Pumpernickelbroten, 1919,
Foto: Heinrich Genau, LWL-Medienzentrum

Und wer ist seit 200 Jahren Westfale? Es sind die Menschen in Ost- und Südwestfalen, also die Sauer- und die Siegerländer, die Wittgensteiner, die Minden-Ravensberger, natürlich die Münsterländer, aber auch die Menschen im östlichen Ruhrgebiet. Doch heute ist Westfalen „nur noch“ die Region rechts vom Bindestrich. Aber immerhin ist das der größere Teil des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, das 1946 von der britischen Besatzungsmacht geschaffen wurde. Dieser Landesteil hat einiges zu bieten: Er hat Wald- und Ackerlandschaft, Bodenschätze über und unter Tage, Verwaltungsstandorte und Industriemetropolen. Er ist protestantisch und katholisch, sowohl Aus- als auch Zuwanderungsland, Naherholungsgebiet und Innovationsstandort. Doch zum Beispiel in den aktuellen Schulbüchern kommt diese Vielfalt Westfalens deutlich zu kurz. Das ermittelte 2012 eine Studie des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL), in der 59 Erdkundebücher für weiterführende Schulen in NRW untersucht wurden. Hartnäckig hält sich auch der „Mythos vom Bauernland“.
Klischees und Gemeinsamkeiten

Und ebenso hartnäckig halten sich Klischees wie diese: Der Westfale ist stur, wortkarg, bierernst und arbeitsam. Er trinkt Korn, isst Pumpernickel und Schinken dazu. Die Ausstellung im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte will zeigen, dass auch gern herbeizitierte Stereotypen einem historischen Wandel unterliegen, untersuchen, ob die Menschen in Westfalen heute etwas verbindet und beispielhaft aufzeigen, dass „Made in Westphalia“ auch in der globalisierten Welt noch eine Rolle spielt. Sie geht daher der Frage nach, ob es eine regionale, westfälische Identität gibt. Die Arbeitshypothese: Die meisten Menschen identifizieren sich eher mit ihrer Stadt oder Teilregion. Gibt es dennoch Gemeinsamkeiten? Wie lebte und lebt es sich in der westfälischen Heimat? Welche Entwicklung hat das Land durchgemacht, wer prägte die Region, und wie sah das Verhältnis zwischen Preußen und seiner weit entfernten Provinz aus?

Ein Gewächshaus und die Porta Westfalica
Die 200-jährige Geschichte der Provinz Westfalen ist wechselhaft, verblüffend, bunt und vielfältig. Und so lädt der zentrale Raum der Sonderausstellung 200 Jahre Westfalen. Jetzt! zu einer Zeitreise durch westfälische TERRITORIEN ein. Eine atmosphärische Einführung für Ohren und Augen hält bereits der PROLOG bereit. Es wird eine STRASSE geben, eine SIEDLUNG, den Zeit-HORIZONT und das GEWÄCHSHAUS. Und wer aus dem Fenster der Ausstellungshalle auf die echte Straße schaut, entdeckt auf dem Dortmunder Königswall das Kaiser-Wilhelm-Denkmal der Porta Westfalica.

Atmosphärisch, literarisch und auch mal auf Platt
Geschichte lebt von Geschichten. In der Ausstellung kann man sie hören und sehen: Hörbild, Film und Sammlerstück zeichnen schon im Vorraum der Sonderausstellung ein atmosphärisches Bild von Westfalen und seinem Wandel. Dabei wird der Bogen weit gespannt: Im 19. Jahrhundert sah die Literatin Annette von Droste-Hülshoff ihr Westfalen beispielsweise noch malerisch und romantisch, teilte aber auch zynische Seitenhiebe für ihre Landsleute aus. In ihrem Essay „Bilder aus Westfalen“ schrieb sie: Der Sauerländer ist ungemein groß und wohlgebaut, (…) Seine Physiognomie ist kühn und offen, sein Anstand ungezwungen, so daß man geneigt ist, ihn für ein argloseres Naturkind zu halten als irgendeinen seiner Mitwestfalen (…) Beim WestfalenSlam 2014 in Lippstadt brachten Nachwuchs-Poeten ihre Heimatgefühle frech und manchmal auch als Rap auf den Punkt. In seinem Song „Im Vorgarten Eden“ singt Gewinner Fabian Navarro: „Das Leben ist hier einfach keine Schachtel Pralinen. Es ist ein Sack Kartoffeln – man weiß, was man kriegt – langweilig und wenig artenreich.“

Westfalen, drei Mal ganz anders
Das Herzstück der Ausstellung wird das TERRITORIUM sein. Dreimal – also alle zwei Monate – wird dieser zentrale Raum umgebaut, und so sind immer wieder andere Seiten Westfalens zu sehen.

Zu Beginn geht es um 200 Jahre „Industrie und Mobilität“. Man machte Ruhr und Lippe schiffbar, baute wichtige Verbindungsstraßen und in Rekordzeit die Köln-Mindener-Eisenbahn. Der Bergbau überwand die Mergelschicht, ging immer tiefer unter die Erde, Kleinstädte wuchsen zu Großstädten heran, und das Preußische zog in die Verwaltungen ein. Die Städte boomten. In Dortmund entstanden legendäre Sportstätten wie das Stadion Rote Erde und die imposante Westfalenhalle. Den Boden für technische und wirtschaftliche Entwicklung bereiteten Visionäre wie der Unternehmer Friedrich Wilhelm Harkort, später auch weltmarktführende Firmen wie Hoesch und Klönne.

Der erste Zeppelin und ein 3-Liter-Auto kamen aus dem Sauerland

WestfalenGeburtstag 03

Kleinschnittger F-125, Sauerland-Museum Arnsberg;
Foto: Brigitte Buberl

„Arbeit und Produktion mit Wasserkraft“ lautet das Thema der zweiten Phase im TERRITORIUM. Es zeigt, wie aus Manufakturen Fabriken, Unternehmen, Weltkonzerne wurden. Manche verschwanden wieder, andere sind bis heute aktiv. Die Dichte an Weltmarktführern ist in Westfalen ungewöhnlich hoch.

Im Sauerland produzierte Carl Berg schon in den 1890er-Jahren Aluminium für den ersten Zeppelin, und in Arnsberg baute Paul Kleinschnittger in den 1950er-Jahren das erste 3-Liter-Auto. Das brachte es mit 6 PS auf flotte 70 km/h. Ein Exportschlager waren auch die Knöpfe aus Lüdenscheid. Sie zierten Hemden, Hosen, Jacken, Kleider in ganz Europa, in Nord- und Südamerika und wurden sogar nach Australien und China geliefert. Manche Fabrikanten hatten Filialen in Ost- und Westindien.

Für den Transfer der Güter war eine moderne Infrastruktur unerlässlich. 1899 wurde der Dortmund-Ems-Kanal gebaut, mit dem faszinierenden Schiffshebewerk in Henrichenburg und einem Hafen, der bis heute der größte Binnenhafen Deutschlands ist. Und überall brauchte man Wasser und Energie. Beides konnten Talsperren liefern. Die Möhnetalsperre wurde gebaut, ein gigantisches Projekt. Doch dann kam die Katastrophe. In einer Mai-Nacht 1943 bombardierten englische Flugzeuge die Staumauer. Unvorstellbare Wassermassen strömten durch das riesige Loch ins Ruhrtal. Landwirtschaft, Fabriken, Kleingewerbe – alles ging unter. Doch schon bald begann der Wiederaufbau.

Heimaterde im Weckglas
„Gegensätze und Toleranz“ sind die Themen im dritten TERRITORIUM, also in den letzten Wochen der Ausstellungszeit. Migra¬tion, Integration, soziokulturelle Spannungen, Religionen, Fremde und Heimat werden über Exponate und ihre Inszenierung begreifbar. Es geht um die, die „schon immer“ da waren in den verschiedenen Regionen von Westfalen, aber auch um jene, die in Weckgläsern Heimaterde mitbrachten in die Fremde. Schon früh kamen „Gastarbeiter“ nach Westfalen. Die Industrialisierung brachte den Wandel in der Arbeitswelt, und auch die Wohn- und Lebensbedingungen änderten sich grundlegend. Man baute Arbeitersiedlungen und schuf soziale Einrichtungen. Unter Tage funktionierte die Integration am besten – hier waren die Bergarbeiter bedingungslos aufeinander angewiesen. Außerhalb des Pütts gab es eher Spannungen. Kulturen und Religionen existierten und existieren neben-, manchmal miteinander und auch immer wieder gegeneinander.

200 Jahre auf 20 Metern
An den Hauptraum, das TERRITORIUM, mit seinen großen Themenblöcken schließen sich die STRASSE und der HORIZONT an. Die Themen: Bewegung, Verbindungen, Austausch und Handel, Schützenvereine und Karnevalsbräuche. Ein Zeitstrahl gibt Einblick in politische und kulturelle Entwicklungen vom Wiener Kongress bis heute: 200 Jahre auf 20 Metern. Am 9. Juni 1815 bestätigte der Wiener Kongress in seiner Schlussakte Westfalens neue Grenzen als preußische Provinz. Wer zog dabei die Fäden? Gab es den politischen Traum von der Einigkeit oder ging es nur um ein territoriales Bollwerk gegen Frankreich. Wie entwickelte sich dieses neue Westfalen, und wie schlug sich das im Alltag der Menschen nieder? Antworten auf manche dieser Fragen finden sich gleich nebenan, in der SIEDLUNG.

Fußball, Bier und Politik

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Bentheimer Landschwein. Arche- und Naturlandhof Büning, Laer

Maisernte. Foto: CLAAS, Harsewinkel

Dort kann man in einer Amtsstube dem preußischen Staatsmann und Reformer, Karl vom Stein, und dem ersten Oberpräsidenten der Provinz Westfalen, Ludwig von Vincke, auf den Schreibtisch schauen. Die beiden Freiherren legten die Grundsteine für die Struktur des heutigen Westfalen. Im „Haus der Jugend“ zeigen sich die ungewöhnlichen Neigungen eines Zwillingspaares aus dem Ruhrgebiet. Der eine ist Fan des BVB, der andere liebt Schalke 04. Ihre gesammelten Devotionalien erzählen davon. Ein Stückchen weiter lädt ein Arbeiter zum Besuch in seine gute Stube ein, und im Vereinsheim sind Pokale, Biere, Zigarren und Typisches aus der westfälischen Küche zu sehen.

Bunte Landschweine und modernste Technik
Westfalen ist grün, fruchtbar und artenreich, deshalb trifft man im GEWÄCHSHAUS der Ausstellung nicht nur auf „Grünzeug“, sondern auch auf bunte Bentheimer Landschweine, die unlängst noch vom Aussterben bedroht waren. Es geht um Pflanzen und Tiere, um Landvermessung, Bodenschätze und Höhlenforschung, um die westfälische Umwelt und ihren Wandel in den letzten 200 Jahren. Dabei wird ein Bogen geschlagen vom „romantischen und malerischen Westphalen“ bis zur industrialisierten Landwirtschaft des 21. Jahrhunderts mit Global Playern wie der Landmaschinenfirma Claas. Das Familienunternehmen gehört zu den westfälischen Weltmarktführern.

Ideengeberin und Kuratorin der Ausstellung ist Dr. Brigitte Buberl, Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Stadt Dortmund. Sie erarbeitet das großangelegte Projekt gemeinsam mit Carina Berndt und im Team mit den Ausstellungsgestaltern Prof. Ovis Wende und Lukas Kretschmer.

Westfälische Geschichten, Informationen zur Ausstellung und zum umfangreichen Rahmenprogramm sowie besondere Angebote für Schulen werden unter www.200JahreWestfalen.Jetzt veröffentlicht. Diese Website ist Homepage und Blog zugleich.

Der Katalog zur Ausstellung 200 Jahre Westfalen. Jetzt! erscheint im August 2015.
Bereits im Handel ist das Buch Westfalen in der Moderne 1815-2015. Geschichte einer Region. Karl Ditt u. a., LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Münster, Aschendorff Verlag.


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