Wappen des Kurkölnischen Sauerlandes

(H)Franziska Seibertz, 1855

(H)Winterberg

(H)Gabelkreuz in Scharfenberg

(H)Wocklum

(H)Krippe auf Schloß Melschede

(H)Arnsberg

(H)Waldskulpturenweg

(H)Hof in Kirchveischede

(H)Fluß

(H)Herbstwald

(H)Mitgliederversammlung-Schloß Amecke

Der Aussichtsturm auf dem Wilzenberg
Johannes Volmer

Wer von Schmallenberg kommend über den Kurweg durch das breite Wiesental in Richtung Grafschaft wandert, dem fällt sofort – auf der linken Seite – ein markanter Bergkegel ins Auge. Es handelt sich um den Wilzenberg (658 m), einen Einzelberg, der die Umgebung um mindestens 130, die Tallagen im Norden und Süden sogar um 250 Meter überragt. Dass just an dieser Stelle ein solcher Einzelberg entstanden ist, liegt an der Art und Schichtung des Gesteins, aus dem er aufgebaut ist. Der Gipfelbereich besteht nämlich aus Quarziten. [1] Es handelt sich dabei um eine den Kräften der Verwitterung gegenüber sehr widerstandsfähige Gesteinsart. Dies ist die Ursache dafür, dass das Material an dieser Stelle durch Erosion viel langsamer abgetragen wurde als in der Umgebung. Wind und Wetter haben also den Berg innerhalb großer Zeiträume aus dem aufgeschichteten Material gewissermaßen „herausgemeißelt“.

Wilzenberg 01

Abb. 1: Otto Schütte (1848 – 1902) aus Oberkirchen, der Initiator des Turmbaus und Gründer eines Betriebs zur Herstellung von Holzkohle, die so genannte Schwarze Fabrik. Die für die Herstellung des Stahls notwendige Holzkohle stellte er unentgeltlich zur Verfügung. Bild: Privatbesitz

Derartige Einzelberge bieten natürlich gute Voraussetzungen für eine ungestörte Rundumsicht. Im Falle des Wilzenberges trifft dies allerdings nur bedingt zu. Dafür gibt es zweierlei Gründe. Zum einen ist der Berg an seiner Basis nicht kreisrund, sondern oval, und der Gipfelpunkt liegt nicht in der Mitte des Ovals, sondern sozusagen nach Osten verschoben. Daher sind zwar von hier aus grundsätzlich gute Sichtmöglichkeiten vor allem nach Osten zu erwarten, der Blick nach Westen z. B. nach Schmallenberg, und auch nach dem südwestwärts gelegenen nächsten Ort, nämlich Grafschaft, ist durch den Berg selbst versperrt. Der zweite Grund ist der, dass der Gipfelbereich mit Bäumen und Sträuchern bewachsen ist.

Dies hat vor mehr als 100 Jahren die Idee entstehen lassen, auf dem Gipfel des Wilzenberges einen Aussichtsturm zu errichten, der einen freien Blick über die Baumwipfel hinweg gestattet [2]. Es war die Zeit des aufkommenden Wandertourismus im Sauerland. Die öffentliche Diskussion widmete sich u. a. dem Thema, wie man den durch seine sakralen Bauwerke und Wallburgen weithin bekannten Berg durch Aufstellung eines Aussichtsturms noch attraktiver machen könne. In einem Artikel der Mescheder Zeitung vom 12. Dezember 1882 heißt es: „Die Aussicht … zur ebenen Erde ist sehr beschränkt; einige fünfzig Fuß (= rd. 15 m) höher gestellt, würde aber der Schaulustige nach allen Gegenden der Windrose einen Gesichtskreis finden, der an Großartigkeit und Mannigfaltigkeit der Objecte nicht leicht hinter einem andern des Sauerlandes zurückbliebe …“ Tatsächlich hatte, wie der nachfolgende Text in diesem Zeitungsartikel erkennen lässt, der Plan zum Bau eines Aussichtsturmes zu diesem Zeitpunkt bereits konkrete Form angenommen.

Die Initiative dazu lag bei dem Fabrikanten Otto Schütte (Abb. 1) aus Oberkirchen, einem der Gründungsväter des 1891 ins Leben gerufenen Sauerländischen Gebirgsvereins. Er rief am 20. Mai 1883 eine „große Versammlung“ nach Gleidorf ein. Hier wurde der Turmbau endgültig beschlossen und ein Komitee aus 14 Honoratioren aus der näheren Umgebung gebildet, das das Projekt weiter vorantreiben sollte. Zunächst einmal galt es die notwendigen Geldmittel zu beschaffen. Ab dem Jahr 1886 konnte man dann konkrete Baumaßnahmen in Angriff nehmen. Der Turm sollte – für die damalige Zeit noch ungewöhnlich – als Stahlkonstruktion entstehen. Den Auftrag dazu erhielt die Firma Heinrich Stähler in Haardt (Ortsteil von Weidenau, heute Siegen-Weidenau). Am 7. September 1888 kam es zum Vertragsabschluss. Demgemäß sollte der Aufbau des Turmes in zwei Schritten erfolgen: zunächst Aufstellung des unteren 9 Meter hohen Teils der Konstruktion, im zweiten Schritt Aufstockung um weitere 6 Meter.

Tatsächlich reichten die damals verfügbaren Geldmittel (1.855 Mark) nicht einmal für die erste Baustufe aus, die 1.900 Mark kosten sollte. Weitere 951 Mark waren für den 1 Meter hohen Sockel aus gemauertem Naturstein aufzubringen. Das Grundstück stellte der Gutsbesitzer Kaspar Nückel aus Winkhausen kostenlos zur Verfügung. Nach der Fertigstellung des Fundamentsockels im Juli 1889 konnten die Monteure der Firma Stähler mit der Aufstellung des unteren Teils der Stahlkonstruktion beginnen (Abb. 2).

Damit kamen die Arbeiten jedoch zunächst zum Abschluss. Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass noch 100 Jahre vergehen sollten, bis der Turm in der ursprünglich geplanten Höhe vollendet werden konnte. Es war die finanzielle Situation des Komitees unter Leitung von Otto Schütte, die diesen langen Baustopp erzwang: nur 2/3 des Rechnungsbetrages konnte zunächst bezahlt werden, die restlichen ca. 1.000 Mark mussten noch durch Spenden und Mitgliedsbeiträge aufgebracht werden. Um diesen Zahlungsverpflichtungen nachkommen zu können, sah sich das Komitee genötigt, bei der Sparkasse Schmallenberg ein Darlehn aufzunehmen. Die Bemühungen um einen Zuschuss vom inzwischen gegründeten Sauerländischen Gebirgsverein (SGV) blieben zunächst erfolglos, da dieser seinerzeit vorrangig den Bau eines Denkmals für den 1893 verstorbenen ersten SGV-Vorsitzenden Ernst Ehmsen betrieb. Erst später (1899) gewährte der Verein einen Zuschuss von 200 Mark. Dadurch war das Komitee in der Lage, seine Schulden zu begleichen. Im Jahr 1900 ging der Turm in das Eigentum der Amtsgemeinde Schmallenberg über.

Wilzenberg 02

Abb. 2: Der alte 1889 erbaute Aussichtsturm. Nach einer Federzeichnung von Josef Schneider (Calle).

Noch im Jahr 1899 hatte der Fabrikant Heinrich Stähler versucht, das Komitee für den weiteren Ausbau des Turmes, also die Aufstockung auf die geplanten 15 Meter, zu gewinnen. Er unterbreitete zu diesem Zweck ein Angebot, worin die Kosten von ursprünglich 1.000 auf 800 Mark reduziert worden waren, verlangte aber sofortige Zahlung. Stähler hatte nämlich beide Bauteile in einem Zug fertigstellen lassen. Dies offenbar in der Erwartung, dass die Aufstockung ohne größere zeitliche Verzögerung vonstattengehen würde. Das Komitee, das nur mit großer Mühe seine Schulden hatte abtragen können, sah sich jedoch außerstande, auf das Angebot Stählers einzugehen. Der SGV, der zu diesem Zeitpunkt fast alle Aussichtstürme im Sauerland in Besitz hatte, zeigte kein Interesse daran, den „halbfertigen“ Turm auf dem Wilzenberg zu erwerben, da er damit eventuell die Verpflichtung zur endgültigen Fertigstellung eingegangen wäre. So blieb der Turm im Besitz der Amtsgemeinde und ging 1975 im Zuge der kommunalen Neugliederung an die Stadt Schmallenberg über. – Es sei noch am Rande bemerkt, dass der 6 Meter hohe Turmaufsatz noch bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs auf dem Werksgelände der Firma Stähler lagerte. Er wurde dann wohl, in einer Zeit, als Eisen vorzugsweise für andere Zwecke verwendet wurde, eingeschmolzen und einer anderen Verwendung zugeführt.

Vermutlich in der Zeit kurz nach der Montage der Stahlkonstruktion im Jahr 1889 wurde der Bewuchs – Bäume und Sträucher – im Areal östlich des Turmes größtenteils entfernt [3]. Diese Maßnahme erwies sich als notwendig, denn dadurch wurde sozusagen ein Sichtfenster nach Osten geschaffen. Ansonsten wäre der Ausblick auch in dieser Richtung durch die Vegetation versperrt gewesen.

Bereits zwei Jahre nach Aufstellung des unteren Bauteils wurde in der Öffentlichkeit Klage über den unfertigen Zustand des Turmes geführt. In der letzten Strophe eines von einem unbekannten Poeten verfassten Gedichts heißt es unter anderem: „Soll ich länger ohne Hülfe / Nur zum Spotte droben stehen / Werd‘ ich noch vor Scham und Schande / ohne Sang und Klang vergehen.“ [4] Dass es dazu nicht kam, dafür sorgte der im Jahr 1988 ins Leben gerufene Förderverein Wilzenberg-Turm e.V (heute „Heimat- und Geschichtsverein Schmallenberger Sauerland e.V.“). War 100 Jahre zuvor Otto Schütte die treibende Kraft gewesen, so diesmal der Schmallenberger Stadtheimatpfleger Josef Wiegel, der u. a. in einem Beitrag im Schmallenberger Almanach unter dem Titel „Des Turmes Klage“ auf den unfertigen Zustand des Turmes aufmerksam gemacht hatte.

Auf der ersten Versammlung des Fördervereins Wilzenberg-Turm am 6. Oktober 1988 wurden die Ziele des Vereins konkretisiert: er wollte mithelfen bei der endgültigen Fertigstellung des Turmes und dabei vor allem die Finanzierung nach besten Kräften unterstützen. Eine erste Schätzung der Gesamtkosten ergab einen Betrag von ca. 200.000 Mark. Natürlich war der Verein selbst nicht in der Lage, diesen Betrag allein aufzubringen. Einen beträchtlichen Anteil steuerte das Land Nordrhein-Westfallen bei, das im Rahmen des Förderprogramms „Entwicklungsmaßnahmen in kreisangehörigen Gemeinden“ einen Zuschuss von 51.000 Mark gewährte. Tatsächlich entwickelte sich die finanzielle Lage so günstig, dass schon im Jahr nach der Gründung des Vereins mit den Bauarbeiten begonnen werden konnte.

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Abb. 3: Der Aussichtsturm nach seiner Fertigstellung im Jahr 1989. Bild: Stefan Didam, Schmallenberg

Zunächst einmal musste das Fundament stabilisiert werden; dies erwies sich auch deshalb als notwendig, weil der Turm in den 100 Jahren seines Bestehens ein wenig in Schieflage geraten war: er hatte sich um 7 – 8 cm nach Osten geneigt. Der ursprünglich 1 Meter hohe Fundamentsockel wurde deshalb auf die doppelte Höhe aufgestockt. Durch die Aufstockung und die Erhöhung des Sockels erhielt der Turm eine Höhe von jetzt 17 Metern. Doch bevor die ersten Besucher von der neuen Aussichtsplattform den Rundblick auf das Schmallenberger Sauerland genießen konnten, musste zunächst einmal das alte Stahlgerüst abgerissen und saniert werden. Erfreulicherweise machten die Arbeiten am neuen Aussichtsturm rasche Fortschritte, sodass sie schon im November 1989 zum Abschluss kamen. Exakt 100 Jahre nach der Vollendung der ersten Baustufe hatte der Turm also die ihm zugedachte ursprüngliche Höhe „erreicht“. (Abb. 3)

Die Einweihungsfeier konnte wegen des späten Fertigstellungstermins erst im Mai des folgenden Jahres stattfinden. Sie wird allen Teilnehmern gewiss auch deshalb in Erinnerung bleiben, weil starker Regen den Abbruch der Festveranstaltung auf dem Wilzenberg erzwang. 25 Jahre später, bei der Jubiläumsfeier am 14. September 2014, war dagegen das Wetterglück den Veranstaltern hold. Schätzungsweise 1.000 Besucher folgten der Einladung zur Teilnahme an der Feier auf dem Gipfel des Berges. Eigens zu diesem Anlass war der Turm fein herausgeputzt worden und hatte einen neuen Anstrich erhalten. Immerhin 250 qm Fläche musste mit frischer Farbe überstrichen werden [5]. Auch die Bretter der Aussichtsplattform mussten entfernt und durch neue ersetzt werden. Das zeigt eben, dass bei Objekten, die tagaus tagein Wind und Wetter ausgesetzt sind, einige Anstrengungen zu ihrer Erhaltung notwendig sind.

Mit der Vollendung des Turmes ist der Wilzenberg um eine Attraktion reicher geworden. Wer im Übrigen den Turm nicht besteigen möchte, vielleicht weil er nicht schwindelfrei ist, kann zumindest am Bildschirm beim Besuch der Internetseiten der Kur- und Freizeit GmbH Schmallenberger Sauerland einen virtuellen Blick in die Runde wagen.

Literatur und Anmerkungen:

1. Karl Thome, Bau und Entstehung des Wilzenberges bei Schmallenberg, Sauerländischer Gebirgsbote, 72. Jahrgang, S. 87 – 88 (1970)
2. Die Baugeschichte des Turmes bis zu seiner Fertigstellung im Jahr 1989 basiert auf folgenden Quellen:
2a. Hans Robert Schrewe, 100 Jahre Aussichtsturm auf dem Wilzenberg, HANDIRK 1989, S. 49 – 55
2b. Alfred Bruns, Aus der jüngeren Geschichte des Wilzenberges, Sonderdruck aus der 50. Ausgabe der Schmallenberger Heimatblätter, April 1978
3. Der genaue Zeitpunkt konnte nicht ermittelt werden; es liegt jedoch nahe, eine zeitliche Nähe zur Aufstellung des unteren 9 Meter hohen Bauteils anzunehmen, da sonst die Sichtmöglichkeiten von der 10 Meter hohen Plattform von vornherein sehr stark eingeschränkt gewesen wären.
4. In der Mescheder Zeitung, Ausgabe vom 8. 12. 1891, wiedergegeben u. a. in HANDIRK, Ausgabe 1989.
5. Mündliche Mitteilung von Herrn Hans Robert Schrewe, Grafschaft.


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